Schwere Zeiten für die Medienbranche

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Guter Journalismus ist kaum mehr finanzierbar

Das Geschäftsmodell von Medienunternehmen, vor allem im traditionellen Printbereich, die sich mit vertiefter Berichterstattung und Analyse beschäftigen, ist stark beschädigt. Mit einer zunehmend alternden Leserschaft und dem Verlust von Anzeigeneinahmen hat sich die wirtschaftliche Basis stark reduziert. Dieser Verlust kann durch Online-Abos und Internet-Anzeigen nur teilweise kompensiert werden. Während des letzten Jahrzehnts hat sich der Journalistenberuf langfristig auf der Liste der meistgefährdeten Berufe etabliert. Eine Mehrzahl von Journalisten und Journalistinnen ist heute nicht mehr fest angestellt, sondern arbeitet unter hohem Druck als Freiberufler, mit stetig sinkendem Einkommen. Selbst angestellte Journalisten operieren unter hohem Druck, der eine aufwendige und vertiefende Recherche wichtiger Themen meist verunmöglicht. Die durch das Internet ausgelöste Notwendigkeit, mit viel weniger redaktionellem Personal rund um die Uhr Nachrichten fast in Echtzeit zu produzieren, verstärkt diese Tendenz zusätzlich. Auch im Fernsehen gibt es die größten Budgets und Anzeigeneinnahmen im Umfeld von teuren Unterhaltungsshows, während Nachrichtenbudgets stagnieren oder gar sinken.

Hauptsächlich leiden darunter Qualität und Tiefe der Berichterstattung, mit verschiedenen Folgen:

  • Über Ereignisse wird linear berichtet - ein Beispiel: Die Twitter-Nachrichten einer Person zu kolportieren benötigt kaum Aufwand über das Schreiben einiger Zeilen hinaus - diese in einen Zusammenhang zu stellen und  mögliche Konsequenzen zu evaluieren hingegen benötigt Zeit. Allzu oft findet diese weiterführende Analyse aus Zeit- und Kostengründen nicht, oder nur zu spät in den wenigen verbliebenen Qualitätsmedien mit relativ geringer Reichweite statt;
  • Inhalte aus offiziellen und kommerziellen Quellen werden oft ohne zusätzliche Recherche publiziert, womit Journalisten zu Assistenten der PR-Ziele werden, anstelle notwendige Analysen und Kontext zu liefern.

In einigen Fällen erodiert die langfristige Glaubwürdigkeit zusätzlich durch die selektive Präsentation von Fakten, die dem Weltbild einer Publikation entsprechen. Während man damit kurzfristig möglicherweise das Ziel erreicht, trägt ein derartiges Vorgehen zum beobachteten Vertrauensverlust bei.

verimedia sieht Journalismus als Dienst an der Gesellschaft

Letzten Endes sind wir überzeugt davon, dass mit wenigen Ausnahmen konsistent guter Journalismus unter den heutigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kaum mehr möglich ist. Die Qualität und Vielseitigkeit unserer Medienlandschaft kann nur erhalten werden, wenn mehr Menschen verstehen, dass guter Journalismus, der auf Recherche und Analyse basiert, viel Aufwand bedeutet und dementsprechend viel kostet. Aus unserer Sicht kommt dafür nur ein gemischtes Geschäftsmodell aus wirtschaftlichen Erträgen und Spenden in Frage. Genauso wie wir akzeptieren, dass Museen, Theater und andere kulturelle Institutionen auf Zuwendungen über die Eintrittspreise hinaus angewiesen sind, müssen wir dasselbe auch für unsere Medien in Betracht ziehen.

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